Die bislang über die Medien kommunizierten Pläne der Regierung machen mich beinahe sprachlos. Beinahe.
Deshalb will ich hier einmal meine Gedanken ordnen und mit euch teilen. Zu dem geplanten Reformvorhaben von Union und SPD hat jeder sicher eine ganz eigene Meinung. In den Kommentaren unter diesem Blog-Beitrag kannst du deine Gedanken gern mit mir und anderen Leserinnen und Lesern teilen.
Die Reform sieht vor, dass es statt des von mir so hoch geschätzten und im Rahmen meiner Arbeit als Betriebsrätin verteidigten Acht-Stunden-Tages eine wöchentliche Höchstarbeitszeit geben soll. "Verkauft" wird uns das unter Bezug auf eine Anpassung zur europäischen Arbeitszeitrichtlinie. Meine Meinung dazu lautet: wir ändern auf gar keinen Fall unser Arbeitszeitgesetz. Unser Arbeitszeitgesetz lässt ausreichend Spielraum für flexible Arbeitszeiten - und zwar im Rahmen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern.
Bei der Regelung zur Abschaffung des Acht-Stunden-Tags geht es nicht etwa darum, mehr Flexibilität für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu schaffen: dies ist bereits heute unter Beibehaltung unseres Arbeitszeitgesetzes möglich. Was hier passiert, wenn die Regelung des Acht-Stunden-Tags durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit abgelöst und verwässert wird, ist eine gesundheitliche Ausbeutung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern.
Ich fordere die Regierung auf, sich Gedanken über Reformen mit Mehrwert zur Erhaltung der Gesundheit unserer arbeitenden Bevölkerung zu machen und echte Reformpläne ins Auge zu fassen und umzusetzen.
Die Einführung des Acht-Stunden-Tages vor über 100 Jahren war dringend notwendig. Und auch heute sind Reformen notwendig und sinnvoll - aber nur, wenn sie den Menschen dienen. So, wie es die Politik tun soll: den Menschen dienen.
Der Slogan vor über 100 Jahren zur Einführung des Acht-Stunden-Tages hieß "Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Freizeit und Erholung und acht Stunden Schlaf". Wenn ich mir das ganz genau ansehe, gehen von acht Stunden Freizeit und Erholung aber auch Vorbereitung für den Arbeitstag, Arbeitsweg und Weiterbildung ab.
Deshalb kann meine Forderung zu einer Reform nur sein:
Der Tag mit seinen 24 Stunden, die uns zur Verfügung stehen, lässt sich auch ganz wunderbar durch vier teilen:
Sechs Stunden Arbeit, Sechs Stunden Freizeit und Erholung, Sechs Stunden Care-Arbeit, Weiterbildung und Ehrenamt und sechs Stunden Schlaf
(wobei hier natürlich auch zwei Stunden von der Freizeit mit zusätzlich eingeplant werden können, um auf acht Stunden Schlaf zu kommen). Schließlich wollen wir ja flexibel sein. Durch diese neue Planung und flexible Gestaltungsmöglichkeit können beispielsweise Paare gleichberechtigt zum Einkommen beitragen und sich ebenso gleichberechtigt um die Care-Arbeit für die Familie kümmern. Bei einem Sechs-Stunden-Tag bleibt ebenso genug Energie, um sich für das Ehrenamt zu begeistern. Ob Sport, Politik oder Erinnerungsarbeit - die ehrenamtliche Tätigkeit muss ein ebenso wichtiger wie förderungswürdiger Baustein im Leben eines jeden Menschen sein; sorgt sie doch auch dafür, dass im Privatleben niemand allein ist.
Ein Sechs-Stunden-Tag ist auch deshalb dringend gesellschaftlich notwendig, um Menschen nach dem sozialen Einbruch durch die Pandemie in den Jahren 2020 - 2022 wieder zusammenzubringen. Die Erschöpfung durch Arbeit, Angst und Isolation und fehlende Präventionsmaßnahmen ist bei den Menschen im Sozialverhalten immer noch spürbar und schleicht sich nach vier Jahren auch immer noch nicht aus. Es fehlen bewusste Kampagnen, die die Menschen wieder zusammenbringen.
Ein Sechs-Stunden-Tag ist auch deshalb dringend notwendig, da die seit mindestens dreißig Jahren stattfindende Arbeitsverdichtung durch eine echte Reduzierung an Arbeitszeit nie wirklich honoriert wurde. Die Arbeitszeitreform soll vor allem den Dienstleistungsbereich und dort die Bürotätigkeit betreffen. Als betroffene von Arbeitsverdichtung im Bürojob kann ich nur sagen: senkt die Arbeitszeit. Und allen, die nicht im Büro tätig sind: acht Stunden Büro sind nicht acht Stunden Kaffee trinken und acht Stunden Kaffee trinken wäre der Gesundheit auch nicht förderlich.
Ein Ausflug in die Entwicklung der Tätigkeit als Rechtsanwaltsfachangestellte
In den Jahren 1989 bis 1992 habe ich noch an einer mechanischen Schreibmaschine das Zehn-Finger-System im Blindschreiben gelernt. Ein weiterer Unterrichtsbestandteil war Stenografie. Im Arbeitsleben angekommen benötigte ich Stenografie nie und habe teils an einer Kugelkopfschreibmaschine als auch an einer elektronischen Schreibmaschine mit Korrekturspeicher gearbeitet. Für das Arbeitsleben hieß das: ein schneller Ablauf im Diktat- und Schreibservice. Damals mussten entweder die Schreiben mit TippEx ausgebessert oder noch einmal geschrieben werden. Wurden einzelne Fehler "ausgemerzt", mussten auch die entsprechende Anzahl an Durchschlägen korrigiert werden. Diese "Feinarbeit" hat Zeit in Anspruch genommen und war ein Ausgleich zum schnellen Tippen des Diktats.
Es dauerte nicht lange, da wurden die Schreibmaschinen durch Rechner und Schreibprogramme ersetzt. Das Tippen fand jetzt an einem Bildschirmarbeitsplatz statt. In der Arbeitsplatzbeschreibung wurde ein paar Jahre später aufgenommen, dass jede Stunde eine ein paar Minuten andauernde Bildschirmpause zum Schutz der Augen genommen werden soll. In der Praxis ist das jedoch nie geschehen. Tatsächlich kam später das E-Mail-Postfach und noch etwas später Internet erst für einzelne Arbeitsplätze, dann für alle Arbeitsplätze hinzu. Das Schreibgeschäft ging immer schneller, natürliche Pausen durch Stempeln, Lochen, Abheften fallen weg, dafür wird alles elektronisch gespeichert: Termine, Fristen, Dokumente, Rechnungen - alles am PC, alles in Windeseile. Selbst die Telefonate erfolgen nun über die Annahme am PC. Stress im Acht-Stunden-Tag, fünf Tage die Woche, Überstunden inklusive. Wo war die Zeitersparnis durch Wegfall all der mechanischen Tätigkeiten geblieben?
Endlich mal was zurückgeben
Ich sage daher: liebe Arbeitgeber, ihr könnt ruhig mal etwas zurückgeben. Diese ganze Arbeitsverdichtung zu Lasten der psychischen und physischen stressbedingten und körperlich einschränkenden Tätigkeiten muss endlich eine Entlastung zugute kommen. Wenn wir von einer neu gedachten Arbeitswelt sprechen, muss auch diese Realität bei den Arbeitgebern nicht nur finanziell ankommen, sondern auch an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer weitergegeben werden.
Zumal - seien wir mal ehrlich - eine verkürzte Arbeitszeit führt auch immer zu einer erhöhten Produktivität. Wenn ich mit einmal nicht mehr bis 16 Uhr arbeiten muss, sondern um 14 Uhr das Büro verlassen kann, habe ich auch ein anderes Erschöpfungslevel. Sei es körperlich oder mental.
Eine Ausweitung hingegen des Acht-Stunden-Tages auf eine wöchentliche Arbeitszeit, bei der Menschen versucht sind, in drei Tagen eine Arbeitswoche unterzubringen, wird zwangsläufig dazu führen, dass der Mensch längere Erholungsphasen in den übrigen freien Tagen benötigt. Ein echter Gewinn ist das für keine Seite - weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben etwas davon. Ganz im Gegenteil: die Gesundheit wird früher oder später darunter leiden. Und seien wir mal ehrlich: wird nicht gerade überall im Land darüber gejammert, dass wir einen Mangel an Fachkräften haben? Und einen Mangel an Fachärzten bzw. Facharztterminen? Ist der Mangel an Facharztterminen nicht vielleicht hausgemacht durch die Überlastung, die die Menschen in unserem Land erfahren? Ich meine schon.
Wenn also die Politik im Sinne der Menschen eine Reform zum Thema Arbeit anstrebt, dann bitte nicht im Sinne der Ausbeutung der arbeitenden Bevölkerung. Das ist kein Gewinn. Das hat keinen Mehrwert. Das hat keine Zukunft.
Wenn also die Politik im Sinne der Menschen eine Reform zum Thema Arbeit anstrebt, dann bitte für eine Arbeitszeit, die dem Arbeitsinhalt und der Veränderung des Arbeitsplatzes gerecht wird und die Menschen am Arbeitsplatz gesund erhält. Dann bitte für die Stärkung der Gewerkschaften, damit die Menschen faire Arbeitsbedingungen, faire Löhne und eine an den Arbeitsmarkt angepasste Chance zur Weiterbildung haben (die gehört nämlich auch dazu). Dann bitte eine Arbeitszeitreform, die die Care-Arbeit und das Ehrenamt mit in den Blick nimmt. Dann bitte eine Arbeitszeitreform, die Familienleben unterstützt, damit wir auch in Zukunft Menschen in unserem Land aufwachsen sehen, die gesund sind und sich für unseren Wohlstand und unser Wohlergehen einsetzen.
Das unterstütze ich sehr gern.
Eure Cornelia Fett
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